Leutkirch im Allgäu

Mittwoch 10.12.2025:

Am frühen Morgen des 10. Dezember 2025 hatte ich absolut keine Ahnung, dass mein geplanter Tagesausflug in die malerische Stadt Leutkirch im Allgäu sich als so abwechslungsreich und unvorhersehbar gestalten würde – voller kurioser, skurriler und überraschend lustiger Momente. Da ich zu den Menschen gehöre, die lieber etwas früher am Bahnsteig eintreffen, stellte ich auch an diesem Tag gleich zu Beginn fest, dass diese Gewohnheit einmal mehr von unschätzbarem Vorteil war. Mein Plan war es, pünktlich um 7:56 Uhr mit dem Regionalexpress RE 5 ab Übersee in Richtung Freilassing zu starten, um anschließend ohne Zeitdruck in München in den RE 96 nach Lindau umzusteigen. Doch bereits auf dem kurzen Weg vom Parkplatz zum Bahnsteig wurde mir schnell klar: Heute würde vieles anders laufen, als ich es mir vorgestellt hatte. Am Bahnsteig in Übersee angelangt, bemerkte ich sofort, dass ein Railjet Express (RJX) in Richtung Österreich vor einem roten Signal stand und offenbar auf die Weiterfahrt wartete. 

Nur wenige Augenblicke später näherte sich ein weiterer RJX, diesmal aus Österreich kommend und in Richtung München unterwegs – zu einer Uhrzeit, zu der er laut Fahrplan eigentlich gar nicht fahren dürfen sollte. Offenbar hatte dieser Zug unterwegs eine erhebliche Verspätung eingefahren, die den gesamten Fahrplan durcheinanderzubringen schien. Und so begann mein Tag, wie er sich später den ganzen Tag hindurch fortsetzen sollte: voller unvorhergesehener Wendungen und unerwarteter Begebenheiten.

Die Reisenden wurden am Bahnsteig darüber informiert, dass der RE 5 aus Salzburg, der planmäßig um 7:33 Uhr abfahren sollte, voraussichtlich eine Verspätung von ungefähr 20 Minuten haben würde. Tatsächlich erreichte der Zug den Bahnhof in Übersee jedoch etwas früher als zuvor angekündigt, und zwar um 7:48 Uhr, um die Fahrgäste in Richtung München aufzunehmen. In Rosenheim wurden wir dann mit einem Zug aus Kufstein zusammengelegt, um die Weiterfahrt nach München ohne weitere Verzögerungen fortzusetzen. Bei der Abfahrt entschuldigte sich der Zugbegleiter zunächst ausführlich dafür, dass wir Rosenheim mit einer Verspätung von etwa 15 Minuten verließen. Als erklärende Gründe nannte er die verspätete Zugzusammenführung sowie die vorangegangene Verspätung des Zuges aus Salzburg. Doch das sollte leider nicht die letzte Verzögerung auf dem Weg nach München sein. Im Bahnhof Grafing mussten wir uns erneut in Geduld üben, diesmal aufgrund der Überholung eines verspäteten Schnellzuges aus Österreich. Die Durchsage des Lokführers war dabei besonders bemerkenswert und sorgte für ein Schmunzeln unter den Fahrgästen: „Wir müssen auf die Überholung eines Schnellzuges aus Österreich warten – wir sind einfach nicht so wichtig.“

Da ich mich im hinteren Teil des Zuges befand und dabei wusste, dass man in München vom Holzkirchener Bahnhof, an dem unser Zug letztendlich ankommen würde, doch recht weit bis zum Nordbahnhof laufen muss, habe ich die Wartezeit sinnvoll genutzt und mich in den vorderen Zugteil umorientiert. Dort kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die mir erzählte, dass sie sich ein wenig darüber ärgerte, an diesem Tag etwas länger geschlafen zu haben. Sie hatte auf ihrer App gesehen, dass der Zug, den sie normalerweise nimmt, ganz ohne Verspätung in München angekommen war, was sie zugegeben etwas ärgerte. Was man will, bekommt man eben nicht immer, sagte sie schmunzelnd. Doch sie nahm die Situation mit einer guten Portion Humor und konnte trotz der Verzögerung mit nur leichter Verspätung ihre Arbeit in München beginnen, was sie im Nachhinein als glücklich empfand. Zum Glück gibt es Gleitzeit! Ich hingegen war wie geplant mit dem anderen Zug der Linie RE 5 in München angekommen, was mir sogar noch genug Zeit gab, um ganz entspannt einen köstlichen Kaffee in Ruhe zu genießen, bevor ich ohne jede Hektik zu meinem Anschlusszug nach Lindau wechseln konnte.

Der RE 96 startete pünktlich in München – sehr zur Freude aller Fahrgäste, die eine entspannte und sorgenfreie Reise schätzten. Besonders erwähnenswert ist die Strecke, die von München nach Memmingen und weiter über Leutkirch bis nach Lindau führt, denn sie gilt als eine der landschaftlich reizvollsten Bahnstrecken in der Region. Sie bietet eine atemberaubende Kulisse, die die Zugfahrt zu einem echten Erlebnis macht und unvergessliche Eindrücke hinterlässt. Bei gutem Wetter haben Sie eine fantastische Sicht auf die beeindruckenden Alpen, die majestätisch am Horizont thronen, sowie die malerische Landschaft davor, die sich wie ein Gemälde entlang der Strecke erstreckt. Ein Highlight auf dem ersten Teil der Strecke ist die beeindruckende Skyline von München, die Sie gemütlich und in aller Ruhe aus dem Zugfenster bewundern können, während Sie sich entspannt zurücklehnen. Doch was die Zugfahrt zusätzlich angenehm macht, ist die Möglichkeit, entspannt den Verkehr auf der Autobahn zu beobachten, die für ein kurzes Stück parallel zur Bahnstrecke verläuft und einem das hektische Treiben dort vor Augen führt. In solchen Momenten wird einem wieder bewusst, wie angenehm es ist, nicht im Stau zu stehen und stattdessen bequem durch die Landschaft zu gleiten. Denn während man im Zug entspannt die Aussicht genießt und die vorbeiziehende Natur bewundert, verliert man im Stau oft genauso viel Zeit wie bei gelegentlichen Verspätungen der Bahn – mit einem entscheidenden Unterschied: Im Zug bleibt die Reise stressfrei und sorgt für ein wohltuendes Reiseerlebnis.

Nach meiner Ankunft in Leutkirch führte mich mein erster Weg sofort zum Ausgangspunkt der Lauschtour durch die Stadt – direkt vor das prachtvolle barocke Rathaus. Mit dieser Lauschtour erkunden Sie die Stadt auf einem faszinierenden und detailreichen Spaziergang durch die Spuren des Mittelalters und entdecken dabei die berühmte Leutekirche in all ihren beeindruckenden Facetten. Die Tour selbst dauert etwa 45 Minuten und bietet eine spannende Zeitreise, die sowohl informativ als auch unterhaltsam ist.

Das Rathaus von Leutkirch ist ein wahrhaft beeindruckendes und majestätisches Zeugnis der barocken Baukunst. Es gilt als steingewordener Stolz der Stadtbewohner und ist ein bedeutendes Wahrzeichen. Über dem Balkon des Rathauses befinden sich zwei imposante Wappen, die den Stolz der Leutkircher Bürger symbolisieren und repräsentieren. Eines dieser kunstvollen Wappen zeigt die „Leutekirche“, das andere den „doppelköpfigen Adler“. Dieses Wappen symbolisiert, dass Leutkirch einst zum erlesenen und angesehenen Kreis der freien Reichsstädte gehörte. Dadurch war die Stadt unabhängig von den umliegenden Fürsten und Grafen, was einen hohen politischen und gesellschaftlichen Status bedeutete.

Die Tour führt weiter zum historischen Bockturm, der sich nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernt befindet. Dieser beeindruckende Turm versetzt die Besucher zurück in die Zeit des 12. und 13. Jahrhunderts, als er ein zentraler und essenzieller Bestandteil der Stadtbefestigung war. Auch heute kann man an der linken Seite des Turms noch ein gut erhaltenes und deutlich sichtbares Stück der alten Stadtmauer bestaunen. Auffällig sind zwei kleine vergitterte Fenster, die man am Turm entdecken kann – sie gehörten einst zum Gefängnis der Stadt. Doch der Bockturm hatte nicht nur die Funktion eines Gefängnisses, er diente ebenso dem Schutz der Bürger. Auf dem Turm war ein sogenannter Turmwächter oder „Blaser“ stationiert, dessen wichtigste Aufgabe darin bestand, bei Gefahr schnell Alarm zu schlagen, insbesondere bei Bränden. Brände stellten im Mittelalter eine der größten Bedrohungen dar, da offenes Feuer in den Häusern zur Beleuchtung und zum Kochen unverzichtbar war.

Direkt links neben dem imposanten Turm befindet sich heute das Museum im Bock. Ein Besuch lohnt sich hier auf jeden Fall, denn es ist ein absolutes Highlight für alle, die sich für die spannende Geschichte der Region interessieren.

Wir bleiben im Mittelalter und begeben uns in die Schneegasse, die direkt rechts neben dem Tum beginnt. Hier können wir ein weiteres sehr besonderes Highlight der Stadt entdecken, das Sie nicht verpassen sollten. Werfen Sie einen neugierigen Blick in eines der beiden Kellerfenster im ersten Haus auf der linken Seite – Sie werden sicherlich überrascht sein und staunen! Dort befindet sich eine faszinierende historische Weberwerkstatt, die auch Weberdunk genannt wird. Sogar einige Flachsbüschel, die an die damaligen Zeiten erinnern, sind noch zu erkennen. Was sofort ins Auge fällt, ist die auffallend hohe Luftfeuchtigkeit in diesen alten Räumen. Diese spezielle Feuchtigkeit war essenziell, um den Rohstoff Flachs in feine Leinentücher zu verarbeiten und dabei die optimale Qualität zu erreichen. In der Blütezeit des Weberhandwerks war die Stadt eine wahre Hochburg dieses Handwerks und beherbergte etwa 200 Weber – eine beeindruckende Zahl, die die Bedeutung dieser Zunft für die Stadt verdeutlicht.

Unser Weg führt uns weiter zur Namensgeberin der Stadt – der imposanten und geschichtsträchtigen Leutekirche. Ihre Ursprünge reichen weit zurück, nämlich bis ins frühe 9. Jahrhundert, als Mönche aus dem renommierten Kloster St. Gallen mit der Mission begannen, die umliegende Region zu christianisieren und die einfachen „Leute“ zum christlichen Glauben zu bewegen. Daher leitet sich der Name „Leutekirche“ nicht etwa vom Läuten der Glocken oder einem anderen Brauch ab, sondern von ihrer ursprünglichen Bestimmung: Diese Kirche war ausschließlich für die einfachen Menschen gedacht, nicht etwa für den Adel oder die Klöster. Links oberhalb der Kirche erhebt sich ein großes und eindrucksvolles Bauwerk, das bis Anfang des 19. Jahrhunderts ein bedeutendes Franziskanerinnenkloster war. Sollte die Leutekirche bei Ihrem Besuch zufällig geöffnet sein, legen wir Ihnen wärmstens ans Herz, einen Blick hineinzuwerfen. Hier erwartet Sie eine beeindruckende gotische Hallenkirche aus dem 16. Jahrhundert, die mit ihrem faszinierenden Kreuzrippengewölbe einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Besonders hervorzuheben sind die beiden Fresken in den vorderen Seitenschiffen, die aus dem Jahr 1936 stammen und eine tiefe historische und ideologische Bedeutung tragen. Diese einzigartigen Kunstwerke setzen ein starkes und mutiges Zeichen gegen die NS-Ideologie, indem sie die Geschichten zweier bemerkenswerter Heiliger darstellen, die sich für die Schwachen, Armen und Ausgegrenzten einsetzten: Rechts der heilige Martin und links die heilige Elisabeth, die als Patronin der unschuldig Verfolgten verehrt wird und zu den bedeutendsten Heiligen der Geschichte zählt.

Wenn Sie die Kirche durch den Nebeneingang verlassen, fällt Ihnen direkt gegenüber ein repräsentatives und wunderschön erhaltenes Gebäude mit grünen Fensterläden ins Auge. Dabei handelt es sich um das stattliche Pfarrhaus aus dem Jahr 1840, das bis heute seinen historischen Charme bewahrt hat. Gehen Sie den malerischen Weg weiter hinunter, stoßen Sie auf ein charmantes und liebevoll restauriertes Fachwerkhaus, das früher als wichtiges städtisches Hospital diente und somit ebenfalls eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Stadt gespielt hat.

Unser Weg führt uns ein Stück weiter zu einem ehemaligen Stadttor, das heute nicht mehr existiert. An seiner Stelle thront nun die beeindruckende moderne Skulptur des Beobachters, die vom renommierten Bildhauer Roland Martin geschaffen wurde. Auf einem hohen Stahlgerüst stehend, symbolisiert sie eine zeitgemäße Interpretation des traditionellen Wächters, der die Umgebung aufmerksam im Blick behält und einen schützenden Blick über die Stadt wirft. Rechts von hier führt eine gepflasterte Straße in die Altstadt, wo Geschichte und Gegenwart aufeinandertreffen. Diese Straße diente einst als eine der bedeutendsten Handelsrouten von Augsburg nach Italien. Damals mussten Händler die Stadt durchqueren, da es nur wenige sichere und gut erschlossene Handelswege gab. Diese Handelsroute war zudem eine äußerst lukrative Einnahmequelle für die Stadt, denn hier wurde eine Maut erhoben, das sogenannte Pflastergeld, das den Unterhalt der Straße und den Schutz der Reisenden finanzierte.

Auf dem Weg in die Altstadt passieren wir ein Fachwerkhaus, das aus dem 15. Jahrhundert stammt und somit ein beeindruckendes Zeugnis der mittelalterlichen Baukunst ist. Dieses historisch bedeutsame Gebäude beherbergte einst die zentrale Schlachterei der Stadt. Um die hygienischen Standards jener Zeit bestmöglich zu wahren, war das Schlachten ausschließlich hier erlaubt. Direkt unterhalb des Hauses verlief der Stadtbach, dessen Wasser als eine Art mittelalterliche Müllabfuhr diente und unerwünschte Abfälle fortspülte. Diese clevere Nutzung der natürlichen Ressourcen veranschaulicht, wie durchdacht die Infrastruktur damals war.

Weiter geht es zu einem Denkmal, das dem geliebten Kinderfest der Stadt gewidmet ist, einem der traditionsreichsten und fröhlichsten Feste der Region. Das Kinderfest wurde vor rund 200 Jahren von einem engagierten Pfarrer ins Leben gerufen, der damit die Kinder für ihren Fleiß und ihre Leistungen belohnen wollte. Bis heute wird dieses Fest jedes Jahr im Juli am Ende des Schuljahres mit großer Begeisterung gefeiert. Es bringt die Gemeinschaft der Stadt zusammen und ist ein besonderes Ereignis voller Freude und Tradition.

Unsere Route führt uns weiter durch die malerische Lammgasse. Doch bevor wir abbiegen, lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und einen Blick auf die Evangelische Dreifaltigkeitskirche zu werfen. Diese eindrucksvolle Kirche war die erste ihrer Art zwischen Donau und Bodensee, die speziell für evangelische Gottesdienste erbaut wurde. Vor ihrer Errichtung mussten die Evangelisten sich mit einem kleinen Raum begnügen, der kaum ihren Bedürfnissen entsprach. 1615 konnten sie jedoch endlich ihre eigene Kirche einweihen, eine sogenannte Predigtsaalkirche, bei der die Kanzel – und somit das Wort Gottes – im Mittelpunkt steht. In den 1970er Jahren wurde das Gebäude aufwendig renoviert, um es für kommende Generationen zu bewahren, und auch heute finden hier noch immer Gottesdienste statt, die die lange Tradition der Kirche fortführen.

Wie wir bereits durch die Lauschtour erfahren haben, war die Stadt im Mittelalter eine Art Autobahn, ein Dreh- und Angelpunkt für den Handel und die Mobilität. Und was darf an einer Autobahn nicht fehlen? Ein Rasthaus. Das goldene Schild an der Ecke zeigt uns, dass dieses Gebäude eine sogenannte Schildwirtschaft war – die höchste Kategorie für Reisende jener Zeit. Hier konnten Reisende nicht nur essen und übernachten, sondern auch ihre Pferde versorgen und unterstellen. Es gab sogar eine Art Parkhaus für Kutschen, was für die damalige Zeit eine bedeutsame Errungenschaft darstellte. Besonders bemerkenswert sind die in den Ecken vermauerten Steine, die sogenannten Kratzsteine, welche die Kutschenräder davon abhielten, die Ecken des Hauses zu beschädigen und somit strukturelle Schäden zu verhindern. Aus diesem cleveren und praktischen Brauch stammt übrigens auch die Redewendung: die Kurve kratzen. Auch heute befindet sich noch immer eine Gastwirtschaft in diesem traditionsreichen Gebäude, die Besucher mit ihrer Gastfreundschaft willkommen heißt.

Ein weiteres traditionelles Handwerk der Stadt, das eine entscheidende Rolle spielte, war die Gerberei, ein Berufszweig, der eng mit dem Stadtbach verbunden war. Dieser diente den Gerbern, um die Tierhäute nach dem Gerben gründlich auszuwaschen. Bis 2005 war dieses traditionsreiche Handwerk in der Stadt aktiv und prägte das Leben vieler Generationen. Die Fachwerkhäuser in diesem Viertel sind typisch für die Gerberei und lassen sich leicht an den Holzbalkonen erkennen, die eigens dazu dienten, die Häute nach der Bearbeitung zu trocknen. Diese sogenannten Altane sorgten für eine ausgezeichnete Belüftung der Häute, die behutsam im Schatten ausgelüftet wurden, um ihre Qualität zu bewahren.

Die wohlhabendste Kaufmannsfamilie der Stadt, die Furtenbachs, hinterließ im 16. Jahrhundert ein beeindruckendes Erbe. Sie ließen sich ein imposantes, sechsstöckiges Steinbauhaus errichten, das ehemalige Stadtpalais. Solche prunkvollen Bauten galten als purer Luxus und waren nur für die Superreichen erschwinglich – daher leitet sich auch der Begriff „steinreich“ ab. Standesgemäß ließ sich die Familie zudem ein repräsentatives Schloss errichten, das Furtenbachschloss, welches noch heute am Stadtrand erhalten ist und als Symbol für den ehemaligen Reichtum der Familie gilt.

Unsere Tour endet vor der Tourist Information, die den idealen Ausgangspunkt für weitere Erkundungen bietet. Hier steht das Gotische Haus, das älteste und wohl auch eines der beeindruckendsten Gebäude der Stadt. Es wurde um 1378 erbaut und ist bis heute in einem erstaunlich guten Zustand. Früher diente es als Färberei, in der Leinen nach dem Weben kunstvoll eingefärbt wurden. Auf der Gebäuderückseite lassen sich zwei Gründe erkennen, warum das Haus so viele Jahrhunderte überdauert hat: Zum einen wurde auf Schornsteine verzichtet, wodurch der Rauch durch die Räume zog und die Holzbalken regelrecht räucherte. Dieser Effekt erhöhte ihre Haltbarkeit erheblich. Zum anderen wurde eine Bauweise ohne Metallverbindungen angewandt. Stattdessen kamen Stein und Holz zum Einsatz, die flexibel genug waren, um den langsamen Bewegungen des Gebäudes nachzugeben, was dessen Stabilität über Jahrhunderte hinweg garantierte. Metallverbindungen hingegen wären mit der Zeit gebrochen, was den Erhalt dieser architektonischen Perle wohl verhindert hätte.

Nach einer äußerst interessanten und kurzweiligen Lauschtour durch die Stadt wollte ich ursprünglich recht schnell wieder nach Hause fahren. Doch aus diesem ursprünglichen Plan wurde letztlich nichts, da meine gewählte Zugverbindung leider ausgefallen war. So musste ich mich notgedrungen nach einer neuen Verbindung umsehen und hatte dadurch unerwartet und unverhofft die Gelegenheit, ein spätes Mittagessen einzunehmen. Meine Wahl fiel dabei auf das Restaurant direkt am Bahnhof – und diese Entscheidung sollte sich letztlich als ein echter Volltreffer erweisen. Die Kulturbrauerei ist wirklich mit viel Liebe zum Detail eingerichtet, und die Gerichte werden vor Ort stets frisch zubereitet. Das Angebot, welches die Speisekarte bot, hat mich voll und ganz überzeugt. Besonders begeistert hat mich jedoch nicht nur die Qualität der Speisen, sondern auch die ausgesprochene Freundlichkeit des Personals, welche wirklich hervorstach und den Aufenthalt zu einem Genuss machte.

Nachdem ich mein spätes Mittagessen ausgiebig genossen und mich gut gestärkt hatte, beschloss ich schließlich, die verbliebene Zeit bis zur Abfahrt meines Zuges nach München sinnvoll zu nutzen, indem ich ein paar Fotos auf dem Vorplatz des Bahnhofs aufnahm, wo sich auch der Busbahnhof befindet. Dort wurde ich von einem Jugendlichen angesprochen, der mich neugierig fragte, ob ich nicht einmal „was Schönes“ fotografieren wolle. Er schlug vor, dass ich ein Foto von ihm und seinen beiden Begleiterinnen machen solle. Daraufhin konnte ich mir ein kleines Augenzwinkern nicht verkneifen und fragte ihn spitzbübisch, ob er sich denn sicher sei, dass dabei tatsächlich ein schönes Foto herauskäme – bei seinen beiden Begleiterinnen könnte ich mir das ohne Zweifel vorstellen, aber bei ihm selbst? Diese kleine Stichelei sorgte sofort für ein herzliches und schallendes Gelächter der beiden Begleiterinnen. Natürlich konnte ich es mir nicht nehmen lassen, ihm amüsiert zu sagen, dass er sich mit dieser Aussage wohl ein Eigentor geschossen habe.

Im Anschluss nutzte ich die Gelegenheit, die Jugendlichen ganz direkt zu fragen, was sie an Leutkirch besonders schön finden würden oder ob es etwas gibt, das sie an dem Ort besonders mögen. Ihre Antwort war überraschend ehrlich und direkt: Sie meinten, eigentlich nichts. Für sie sei der Ort eher unscheinbar und nichts Besonderes, mit einer klaren Ausnahme – die Wilhelmshöhe. Dort würden sie ab und zu Zeit verbringen, um sich zu treffen oder den Ausblick zu genießen. Auf weiteres Nachfragen erzählten sie mir schließlich auch von einem Schloss, das ebenfalls als eine Art Attraktion gelten könne. Zwar sei es nicht möglich, das Schloss von innen zu besichtigen, doch die Umgebung und die Gebäude von außen hätten zweifellos ihren ganz eigenen Charme. Besonders beeindruckend sei zudem der herrliche Ausblick auf die Alpen, der von dort aus zu genießen ist und der wirklich faszinierend sei.

Nach einem überaus informativen und spannenden Gespräch mit den jungen Menschen aus Leutkirch, bei dem wir intensiv diskutierten und viele interessante Ansichten austauschten, sollte meine Zugfahrt eigentlich pünktlich in Richtung München starten.

Doch bereits kurz darauf war es mit der erhofften Pünktlichkeit vorbei. Schon in Memmingen mussten wir anhalten, um einem verspäteten Schnellzug die Durchfahrt zu gewähren, was unsere geplante Abfahrtszeit dort erheblich verzögerte. Unsere Reise setzte sich schließlich nach einiger Wartezeit mit einer Verzögerung von etwa 10 Minuten fort, doch leider blieb es nicht bei dieser kleinen Verspätung. Der Bahnhof München-Pasing wurde vorübergehend gesperrt, wodurch sich die ankommenden Züge vor dem Bahnhof stauten und wir gezwungen waren, noch länger zu warten.

Zusätzlich sorgten mehrere Langsamfahrstrecken entlang unseres Weges dafür, dass wir nur sehr schleppend vorankamen, was die Situation weiter verschärfte. Am Ende konnte ich meinen geplanten Anschlusszug in München nicht mehr erreichen – die ursprünglich großzügige Umsteigezeit von 30 Minuten schrumpfte tatsächlich auf ein Minus von 5 Minuten zusammen. Mein Zug nach Übersee war bereits abgefahren, bevor ich den Bahnsteig überhaupt erreichen konnte.

Letztlich blieb mir keine andere Wahl, als auf einen späteren Zug nach Salzburg auszuweichen, um schließlich mit einiger Verspätung dennoch in Übersee aussteigen zu können.

Trotz all der unerwarteten Verzögerungen und Herausforderungen war der Tagesausflug dennoch wunderschön. Ich hatte die Gelegenheit, viele interessante Menschen kennenzulernen, und diese Begegnungen, die mich inspiriert und bereichert haben, machten diesen Tag für mich besonders und unvergesslich.